Einwohnerversammlung in Eisenach: Viele Fragen zu Legehennen und Biogas
Großer Andrang im Stadtratssaal: Zur Einwohnerversammlung der Stadt Eisenach am Donnerstag, 20. August, waren alle Plätze belegt. Im Mittelpunkt standen zwei Vorhaben, die vor allem die Ortsteile Neukirchen und Stregda betreffen: eine große Legehennen-Anlage „Auf dem Reitenberg“ und eine Biogasanlage in Stregda. Vertreter der Stadt, der Energieversorgung und der beteiligten Landwirtschaftsbetriebe stellten sich den Fragen der Bürgerinnen und Bürger.
Auf dem Podium saßen Oberbürgermeister Christoph Ihling, Tobias Degenhardt als Geschäftsführer der Eisenacher Versorgungsbetriebe (evb), Landwirtin und LUM-Prokuristin Christina Thiel, Wartburg-Ei-Geschäftsführer Thomas Wickenbrock, Christian Niehoff von der TW Gruppe als Projektverantwortlicher für die Biogasanlage sowie Thomas Schäf vom Fachdienst Stadtplanung und Klimaschutzmanagerin Anne Häring.
Erstes Thema des Abends war die geplante Legehennen-Anlage auf dem Reitenberg im Ortsteil Neukirchen. Das Landwirtschaftliche Unternehmen Mihla (LUM) hatte dort lange einen Milchviehbetrieb, der aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben wurde. Die alten Stallungen entsprechen nach Angaben des Unternehmens nicht mehr den heutigen Tierstandards, Umbauvarianten für eine erneute Milchviehhaltung hätten sich als nicht rentabel erwiesen.
Interessent für eine neue Nutzung ist die Wartburg Ei GmbH. Geschäftsführer Thomas Wickenbrock betreibt bereits mehrere Legehennen-Anlagen im Münsterland und stellte seine Pläne vor: Am Standort der früheren Milchviehanlage sollen rund 495.000 Legehennen in fünf Ställen gehalten werden. Die Emissionswerte der geplanten Hennenhaltung seien laut Vorhabenträger mit denen der früheren, für bis zu 1900 Milchkühe ausgelegten Anlage vergleichbar. Die derzeit 25 Arbeits- und zwei Ausbildungsplätze sollen erhalten bleiben und perspektivisch ausgebaut werden.
Zur Funktionsweise der Anlage erläuterten die Investoren, dass die Ställe über zwei Ebenen verfügen sollen. Auf einer Ebene legen die Hühner tagsüber Eier, auf der anderen bewegen sie sich frei im Stall. Beschäftigungsmaterial und Sitzstangen sind vorgesehen, fünf Prozent Tageslicht sind vorgeschrieben und werden über Lichtbänder sichergestellt, die bei Bedarf verdunkelt werden können. Nach Angaben der Betreiber soll sich an die Standards des Kontrollverbands artgerechte Tierhaltung (KAT) gehalten werden, produziert würden Eier aus Bodenhaltung.
Die Nachfrage nach Eiern sei derzeit hoch, der Markt wachse schneller als die heimische Produktion. Die geplante Produktion in Neukirchen soll dazu beitragen, Importe aus Ländern mit niedrigeren Tierwohlstandards zu verringern. Kritische Nachfragen aus dem Publikum betrafen vor allem Tierwohl, Emissionen und mögliche Auswirkungen auf die Umgebung.
Ein weiterer Schwerpunkt war die zu erwartende Verkehrsbelastung. Im Durchschnitt rechnen die Investoren mit elf Lkw-Fahrten pro Tag für Futteranlieferung, Eiertransport und Abfuhr des Hühnermists. In größeren Abständen kommen jeweils zehn Lkw für die Anlieferung der jungen Legehennen und zehn Lkw für den Abtransport der ausgedienten Tiere hinzu. Die Hennen sollen mit 17 Wochen eingestallt werden und 90 bis 100 Wochen in der Anlage bleiben. Nach Angaben der Betreiber sollen rund 90 Prozent der Transporte direkt zur Autobahn geführt werden.
Zur Frage möglicher Geruchsbelastungen verwiesen die Verantwortlichen auf eine geplante Abluftreinigungsanlage. Die Stallabluft soll darüber geführt werden, um insbesondere Ammoniak und damit verbundene Geruchsemissionen zu reduzieren. Der anfallende Kot soll getrocknet, in geschlossenen Containern gelagert und regelmäßig abtransportiert werden, um Gerüche möglichst gering zu halten.
Auch Fragen zur Futtergrundlage und zum Medikamenteneinsatz wurden angesprochen. Für die Versorgung der Legehennen werden nach Angaben des Landwirtschaftsbetriebs rund 1000 Hektar für den Anbau von Futterpflanzen wie Weizen und Mais benötigt. Das Unternehmen bewirtschaftet derzeit 515 Hektar Grünland und 1443 Hektar Ackerland zwischen Werratal und Nationalpark Hainich. Antibiotika würden laut Wickenbrock nur im Krankheitsfall eingesetzt, nicht zur Leistungssteigerung; der Einsatz sei meldepflichtig und werde vom Tierarzt überwacht. Zuletzt sei dies vor drei Jahren notwendig gewesen.
Bei hohen Temperaturen über 30 Grad Celsius ist eine technische Kühleinrichtung mit Sprühnebel vorgesehen, die die Stalltemperatur nach Erfahrung der Betreiber um drei bis fünf Grad senken soll. Pro Quadratmeter Stallfläche sind maximal 18 Tiere geplant, was aufgrund der zwei Ebenen einer Besatzdichte von neun Hennen pro Quadratmeter nutzbarer Fläche entspricht. Damit sollen die Vorgaben der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung eingehalten werden.
Für die Genehmigung der Legehennen-Anlage ist das Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN) zuständig. Die Anlage wird nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz geprüft, eine Umweltverträglichkeitsprüfung ist erforderlich. Aktuell läuft das Anhörungsverfahren. Bürgerinnen und Bürger können die Unterlagen digital über die Informationsangebote des TLUBN oder in Papierform in der Stadtverwaltung am Markt 22 einsehen und anschließend gegenüber dem Landesamt Einwendungen und Bedenken einreichen.
Die Auslegung der Unterlagen zur Legehennen-Anlage läuft vom 11. August bis 10. September 2026. Einwendungen können bis zum 12. Oktober 2026 beim TLUBN eingereicht werden – per E-Mail oder schriftlich an die Behörde in Jena. Wer sich beteiligen möchte, sollte die Fristen im Blick behalten und seine Stellungnahme rechtzeitig formulieren.
Im zweiten Teil der Einwohnerversammlung ging es um die geplante Biogasanlage im Ortsteil Stregda. Der vorgesehene Standort liegt im Außenbereich zwischen Stadtautobahn, Kreisstraße nach Hötzelsroda und Landstraße nach Mihla. Da das Vorhaben dort nicht als privilegiertes Projekt im Außenbereich gilt, ist ein Bebauungsplan zwingend erforderlich. Parallel dazu muss der Flächennutzungsplan geändert werden, der die Fläche bislang als landwirtschaftliche Nutzfläche ausweist.
Im Zuge der Planänderung soll der Bereich im Flächennutzungsplan als Sondergebiet „Biogaserzeugung Stregda“ dargestellt werden. Der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan wäre lediglich der Startpunkt für die städtebauliche und umweltrechtliche Prüfung des Standorts. Erst bei positivem Ergebnis könnte ein rechtskräftiger Bebauungsplan erlassen werden. Eine Genehmigung der Anlage selbst ist damit noch nicht verbunden.
Im Rahmen des Verfahrens soll unter anderem geklärt werden, ob die Stadt an diesem Standort eine Biogasanlage will und welche städtebaulichen Auswirkungen zu erwarten sind. Gutachten liegen derzeit noch nicht vor, der Prozess befindet sich in einem frühen Stadium. Der Standort wurde vom Vorhabenträger vorgeschlagen, unter anderem wegen der Nähe zu bestehender Infrastruktur wie Straßen sowie Fernwärme-, Strom- und Gasleitungen und der Verfügbarkeit der Fläche.
Die Entscheidung, ob ein Bebauungsplanverfahren überhaupt begonnen wird, liegt beim Stadtrat. Stimmt dieser zu, folgt ein mehrstufiges Verfahren mit Beteiligung der Öffentlichkeit. Bürgerinnen und Bürger können sich dann zunächst zum Vorentwurf und später zum planreifen Entwurf äußern, bevor der Stadtrat einen Satzungsbeschluss fasst.
Diskutiert wurde auch, dass der geplante Standort in einem klimatisch relevanten Bereich liegt. Nach der Stadtklimaanalyse befindet er sich in einer Kaltluftbahn, in der sich nachts Kaltluft bildet und entlang der natürlichen Fließgewässer in tiefere Lagen strömt. Ein Gutachten soll klären, ob und in welchem Umfang diese Kaltluftbahn durch die Biogasanlage beeinträchtigt würde. Davon hängt unter anderem ab, wie hoch und in welcher Anordnung die Gebäude errichtet werden dürften, um eine erhebliche Beeinträchtigung zu vermeiden.
Eine zentrale Rolle spielt bei den Überlegungen die Eisenacher Fernwärmeversorgung. Die Eisenacher Versorgungsbetriebe prüfen derzeit verschiedene Optionen für die Erzeugung grüner Wärme. Nach Einschätzung von Geschäftsführer Tobias Degenhardt ist Biogas gegenüber Solar- oder Geothermie im konkreten Fall die beste Variante, weil keine großen Flächen benötigt würden und die Wertschöpfung bei den Landwirten der Region bleibe. Derzeit basiert das Fernwärmenetz auf Erdgas, der aktuelle Preis liegt bei 16 Cent pro Kilowattstunde. Bei Nutzung von Biogas könnte der Preis nach seinen Angaben um etwa zwei Cent sinken.
Die Investoren der TW Gruppe planen eine Investition von rund 58 Millionen Euro. Aus Mist, Gülle und nachwachsenden Rohstoffen wie Mais und Gras soll Biogas erzeugt werden, das in einem Blockheizkraftwerk in Strom und Wärme umgewandelt wird. Vorgesehen sind Strommengen für etwa 7700 Haushalte, Gas für 4000 Haushalte und Wärme für 1700 Haushalte. Die evb sind als Projektpartner eingebunden, regionale Landwirte können sich als Gesellschafter am Betreiberunternehmen beteiligen.
Landwirte der Wartburgblick Agrar GmbH in Neukirchen unterstützen das Projekt, weil sie Pflanzenprodukte liefern und damit ihre wirtschaftliche Basis stärken könnten. Für den Verkehr rechnen die Planer an einem normalen Arbeitstag mit elf Lkw-Anlieferungen und elf Lkw-Abtransporten, vor allem für Substrate und Gärreste. In der Erntezeit kann das Aufkommen höher liegen. Die Gärreste sollen in der Landwirtschaft als Dünger eingesetzt werden.
Für den Ortsteil Stregda eröffnet das Projekt die Möglichkeit, an die Fernwärmeversorgung angeschlossen zu werden. Ob dies umgesetzt wird, hängt laut evb davon ab, ob sich genügend Haushalte für einen Anschluss entscheiden, damit sich die Investition rechnet.
Mehrere Bürgerinnen und Bürger wiesen in der Versammlung darauf hin, dass Stregda bereits heute durch Autobahn, Stadtautobahn, weitere Straßen, Windenergie-Anlagen und Gewerbegebiete belastet sei. Sie äußerten die Sorge, weitere Lebensqualität zu verlieren. Oberbürgermeister Ihling betonte, er nehme diese Ängste ernst. Das Vorhaben werde nur umgesetzt, wenn es sich wirtschaftlich trage, die Frischluftzufuhr nicht gefährde und insgesamt verträglich sei. Um das beurteilen zu können, seien jedoch Gutachten im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens notwendig.
Zur Größe der geplanten Biogasanlage könne derzeit noch nichts Verlässliches gesagt werden, so Ihling. Zugleich machte er deutlich, dass die Stadt für eine stabile und bezahlbare Fernwärmeversorgung eine Alternative zu Erdgas brauche. Es sei nicht sinnvoll, immer größere Flächen mit Solarthermie oder zusätzlichen Windkraftanlagen zu belegen. Biogas sieht er daher als geeignete Option, weil es zugleich die wirtschaftliche Basis der regionalen Landwirtschaft stärken könne.
Für die Menschen in Neukirchen und Stregda beginnt mit den laufenden und anstehenden Verfahren eine Phase, in der sie die Projekte mitgestalten können – sei es über Einwendungen zur Legehennen-Anlage oder über Stellungnahmen im Rahmen des Bebauungsplans für die Biogasanlage. Wer sich einbringen möchte, sollte die Auslegungsfristen und künftigen Beteiligungstermine im Blick behalten.
Quelle: Pressemitteilung vom 25.08.2026
Foto: Stadtverwaltung Eisenach
Veröffentlicht am 25.08.2026 12:35 von Christian Wolf, Redakteur
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