04.11.2025 👍4

„Licht und Klang“: Eisenachs Friedhofsdebatte zwischen Würde, Wandel und Widerstand

Die Premiere der Veranstaltung „Licht und Klang“ auf dem Hauptfriedhof Eisenach am 1. und 2. November 2025 hat mehr als 1.000 Besucherinnen und Besucher angezogen – und eine intensive Debatte über den Umgang mit Friedhöfen ausgelöst. Während der Veranstalter, die Eisenach-Wartburgregion Tourismus GmbH (EWT), auf eine respektvolle Inszenierung setzte, kritisierten viele Kommentare die Veranstaltung als pietätlos. Stadtführerin Nadine Schneider zog nun eine positive Bilanz und forderte mehr Offenheit für neue Formen des Gedenkens.

Das Konzept von „Licht und Klang“ verband Lasershows, Livemusik und thematische Führungen. Ziel war es laut Veranstalter, den Friedhof als „Ort der Erinnerung, Kultur und Natur“ neu zu erleben. Die EWT betonte, Grabstätten mit laufendem Nutzungsrecht seien nicht Teil der Inszenierung gewesen; die Projektionen und Lichtinstallationen konzentrierten sich auf Wege, Denkmäler und alte Bäume. Die Veranstaltung sei in enger Abstimmung mit der Friedhofsverwaltung erfolgt, der respektvolle Umgang vor Ort sei oberstes Gebot gewesen.

Trotz dieser Bemühungen äußerten viele Bürgerinnen und Bürger Unverständnis. In Kommentaren auf Facebook und unter dem Event-Eintrag auf unserer Seite bezeichneten Kritikerinnen und Kritiker das Event als „Störung der Totenruhe“ und „respektlos“. Einige forderten, Friedhöfe von kulturellen Veranstaltungen grundsätzlich freizuhalten. Emotional reagierten auch einige Angehörige, die in der Friedhofsanlage Verstorbene beerdigt haben. Sie sahen in der Veranstaltung eine Verletzung der Würde der Toten und kritisierten den Eintrittspreis am Allerheiligen-Wochenende als geschmacklos. Doch allein bei gemäßigten Wortmeldungen scheint es nicht geblieben zu sein: „Es wurde nicht diskutiert, uns schlug über Social Media purer Hass entgegen“, berichtete Schneider auf Instagram und deutete dahingehend auf die „anderen Plattformen“ und jene, „die sonst nie etwas mit dem Friedhof zu tun“ hätten. 

Gleichzeitig gab es zahlreiche zustimmende Stimmen. Befürwortende sahen in „Licht und Klang“ einen Impuls, den Friedhof als lebendigen Erinnerungsort zu begreifen. Einige Nutzerinnen und Nutzer verwiesen auf Beispiele aus Schweden, Österreich oder Mexiko, wo Friedhöfe seit Jahren in kulturelle und gesellschaftliche Praktiken eingebunden sind. Auch in Deutschland entwickle sich zunehmend eine „neue Erinnerungskultur“, die Tod, Leben und Gemeinschaft nicht als Gegensätze begreife, sondern als Teil eines gemeinsamen kulturellen Narrativs.

Schneider betonte, die Veranstaltung sei „pietätvoll“ verlaufen, die Stimmung „achtsam und friedlich“. Mehr als 1.000 Menschen hätten den Friedhof an den beiden Abenden besucht, viele hätten sich in Gesprächen dankbar über die Atmosphäre und die ruhige Gestaltung gezeigt. Schneider sieht in dem Format eine Chance, den Friedhof „als Ort der Begegnung“ zu begreifen – als Raum, der Lebende und Verstorbene verbindet.

Für die Stadt Eisenach war das Festival ein Experiment – und zugleich ein Baustein einer neuen Tourismusstrategie. EWT-Geschäftsführer Toni Schulz hatte bereits im Vorfeld angekündigt, die Gesellschaft wolle künftig verstärkt als Veranstalter auftreten, um wirtschaftlich unabhängiger zu werden und zugleich kulturelle Impulse zu setzen. Schulz erklärte in einem Interview mit dem Allgemeinen Anzeiger „der Friedhof sei auch ein Park, ein Ort der Kultur, Begegnung und Erholung“. Mit „Licht und Klang“ hat die Stadtgesellschaft diesen Gedanken erstmals öffentlich erprobt.

Ob es eine Fortsetzung geben wird, ist derzeit offen. Nadine Schneider zeigte sich zuversichtlich: „Natürlich gibt es organisatorisch noch Luft nach oben [...] Wir dürfen dazu lernen für ein nächstes Mal.“ Zugleich machte sie deutlich, dass man es nicht jedem recht machen könne. Man dürfe jedoch glücklich sein, über so viele Menschen, die diese Veranstaltung unvoreingenommen angesehen und gefeiert hätten. „Licht und Klang“ habe gezeigt, dass der Nerv der Zeit getroffen wurde und neue Formen pietätvoller Veranstaltungen auf einem Friedhof möglich seien.

Quelle: Instagram-Posting @stadtfuehrung_nadineschneider vom 03.11.2025
Bilder: ©stadtfuehrung_nadineschneider & Jensen Zlotowicz, Instagram
Veröffentlicht am von , Fachredakteur

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