NABU warnt: Mehlschwalben-Bestand in Thüringen bricht ein
In Thüringen werden Mehlschwalben immer seltener. Der Schwalbenbeauftragte des NABU Thüringen, Tino Sauer, hat am 24. Juli 2026 eine Zwischenbilanz zur aktuellen Schwalbensaison gezogen. Demnach kamen die Vögel in diesem Jahr zwei bis drei Wochen später aus ihren afrikanischen Winterquartieren zurück, und deutlich weniger Nester wurden besetzt als in den Vorjahren. Anlass der Bilanz war die Auszeichnung eines landwirtschaftlichen Betriebs in der Erfurter Brühlervorstadt als „schwalbenfreundliches Haus“.
Nach Angaben Sauers brüten an den betreuten Schwalbenhäusern des NABU in einem durchschnittlichen Jahr 50 bis 60 Mehlschwalbenpaare. 2026 wurden jedoch nur etwa 25 bis 30 Prozent der vorhandenen Nester genutzt. Ähnliche Rückmeldungen gebe es aus vielen Regionen des Freistaats. Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits bei den Vogelzählungen der vergangenen Jahre sichtbar wurde, bei denen Gebäudebrüter wie Mehlschwalben und Mauersegler seltener gemeldet wurden.
Wetterextreme und Landwirtschaft setzen Mehlschwalben zu
Als mögliche Ursache für den Einbruch nennt der NABU späte Schneefälle und längere Kälte- und Regenphasen in den Alpen auf dem Zugweg in die Winterquartiere 2025. Solche Wetterlagen schwächen die Tiere und erschweren die Nahrungssuche. Besonders betroffen sind Mehlschwalben, die ihre Beute hoch in der Luft fangen. Bei kaltem, nassem Wetter halten sich Insekten jedoch eher bodennah auf.
Rauchschwalben, die näher am Boden jagen, kommen in solchen Phasen besser an Nahrung und sind daher etwas weniger stark betroffen. Dennoch verweist der NABU darauf, dass auch sie unter den allgemeinen Veränderungen in der Agrarlandschaft leiden. Neben Wetterextremen tragen die industrielle Landwirtschaft und der Verlust von Brutplätzen wesentlich zum Rückgang der Schwalbenbestände bei.
Jedes geduldete Nest zählt
Ein zentrales Problem bleibt der Umgang mit Schwalbennestern an Gebäuden. Immer wieder werden Nester zu Beginn der Saison von Hauswänden entfernt, weil der Kot der Tiere stört. „Derzeit zählt jedes Nest, das von Hauseigentümern geduldet wird“, betont Tino Sauer. Wo Nester erhalten bleiben, können Schwalben über Jahre hinweg denselben Standort nutzen.
Seit 2011 hat der NABU in Thüringen mehr als 2.170 Menschen mit der Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“ ausgezeichnet. Geehrt werden damit Eigentümerinnen und Eigentümer, die Nester zulassen oder zusätzliche Nistmöglichkeiten schaffen. Die Aktion soll zeigen, dass Schwalbenschutz direkt an Haus und Hof beginnen kann – vom Einbau von Kotbrettern unter den Nestern bis zu künstlichen Nisthilfen an geeigneten Fassaden.
Beispiel aus Erfurt: Landwirtschaftsbetrieb als Schwalben-Hotspot
Wie ein schwalbenfreundlicher Hof aussehen kann, zeigt der Betrieb von Christian Möller in der Erfurter Brühlervorstadt. Auf seinem landwirtschaftlichen Hof am Stadtrand brüten seit vielen Jahren zahlreiche Mehl- und Rauchschwalben. Die Tiere finden dort geeignete Nistplätze und ausreichend Insektennahrung. Für dieses Engagement erhielt Möller nun die Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“, überreicht von Tino Sauer.
Der NABU sieht in solchen Höfen wichtige Rückzugsräume für Schwalben, gerade in Regionen mit intensiver Landwirtschaft und stark versiegelten Siedlungsflächen. Wo offene Ställe, Lehmflächen und strukturreiche Hofbereiche erhalten bleiben, können sich Schwalbenkolonien langfristig halten.
So können Hausbesitzer in der Region helfen
Auch in Eisenach und im Wartburgkreis können Eigentümerinnen und Eigentümer mit einfachen Mitteln zum Schwalbenschutz beitragen. Dazu gehört, bestehende Nester an Fassaden zu dulden, Kotbretter unter den Nestern anzubringen und bei Sanierungen Nistplätze nicht zu verschließen. Künstliche Nisthilfen an wettergeschützten Hauswänden können zusätzliche Brutplätze schaffen, wenn natürliche Lehmnester fehlen.
Wer bereits Schwalben am Haus hat oder neue Nistmöglichkeiten geschaffen hat, kann sich beim NABU Thüringen für die Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“ bewerben. Das Bewerbungsformular und weitere Hinweise zur Aktion „Schwalben willkommen!“ sind unter www.NABU-Thueringen.de/schwalben zu finden.
Für Familien und Naturfreunde in der Region bietet sich zudem ein Blick auf die großen Vogelzählaktionen des NABU an, etwa die „Stunde der Gartenvögel“ oder die „Stunde der Wintervögel“. Dort zeigt sich seit Jahren, dass typische Siedlungsvögel wie Spatzen, Mauersegler und Mehlschwalben unter Druck stehen – und wie wichtig naturnahe Gärten, offene Höfe und geduldete Nester für den Erhalt der Artenvielfalt sind.
Quelle: Pressemitteilung vom 24.07.2026
Foto: NABU (Tino Sauer verleiht Christian Möller die Plakette „Schwalbenfreundliches Haus” für seinen landwirtschaftlichen Betrieb in Erfurt.)
Veröffentlicht am 24.07.2026 21:17 von Christian Wolf, Redakteur
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