Nach 36 Jahren: Eisenachs Gleichstellungsbeauftragte Ulrike Quentel geht in den Ruhestand
Nach 36 Jahren an der Spitze der Gleichstellungsarbeit in der Eisenacher Stadtverwaltung verabschiedet sich Ulrike Quentel aus dem aktiven Berufsleben. Seit 1990 prägte sie als Gleichstellungsbeauftragte die kommunale Frauen- und Gleichstellungspolitik, baute Netzwerke auf und setzte sich für Betroffene von Gewalt, für politische Teilhabe von Frauen und für mehr Chancengleichheit in der Stadt ein. Zum Abschied blickt sie auf ihren Weg, zentrale Projekte und aktuelle Herausforderungen der Gleichberechtigung.
Aufgewachsen in Eisenach und geprägt von den Lebensbedingungen in der DDR, beschäftigte sich Ulrike Quentel schon früh mit Rollenbildern und ungleicher Verteilung von Macht. Sie erlebte, dass Männer in Betrieben, Behörden und Parteien die entscheidenden Positionen innehatten, während Frauen neben ihrer Berufstätigkeit den Großteil von Haushalt und Familienarbeit trugen. In den 1980er-Jahren engagierte sie sich als junge Frau in der unter dem Dach der evangelischen Kirche organisierten Gruppe „Frauen für den Frieden“ in Eisenach. Dort standen neben der Angst vor einem atomaren Wettrüsten auch Themen wie Gewalt gegen Frauen, Sexismus, Umweltfragen und die Rolle von Frauen in der DDR auf der Agenda.
Als 1990 zahlreiche Stellen in der Stadtverwaltung neu ausgeschrieben wurden, darunter die der Gleichstellungsbeauftragten, brachte Quentel diese Erfahrungen ein. Kontakte zu Frauenbeauftragten in Marburg und im Landkreis Marburg-Biedenkopf sowie zu Frauen in Erfurt, wo bereits ein Frauenbüro existierte, gaben ihr ein klares Bild davon, wie kommunale Gleichstellungsarbeit aussehen kann. Ermutigt von Mitstreiterinnen aus der eigenen Gruppe bewarb sie sich mit konkreten konzeptionellen Vorstellungen für die neue Aufgabe.
An ihr Bewerbungsgespräch mit dem damaligen Bürgermeister Dr. Brodhun erinnert sie sich bis heute. Auf die Frage nach dem Ziel ihrer Arbeit antwortete sie, sie wolle die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten irgendwann überflüssig machen – wohl wissend, dass dies weder bis zu seiner noch bis zu ihrer eigenen Rente zu erreichen sein würde. Aktuelle Einschätzungen internationaler Gremien bestätigen ihre damalige Einschätzung: Das Weltwirtschaftsforum spricht von Rückschritten bei der Geschlechtergerechtigkeit und rechnet weltweit mit einem Zeitraum von mindestens 120 Jahren, bis tatsächliche Gleichstellung erreicht sein könnte. In einem Ranking von 97 Staaten liegt Deutschland derzeit auf Platz 9.
In den Anfangsjahren musste Quentel ihre Beteiligung an vielen Stellen der Verwaltung erst durchsetzen. So ging es etwa darum, bei Bewerbungsverfahren überhaupt mit am Tisch zu sitzen. Heute sind Aufgaben und Beteiligungsrechte der Gleichstellungsbeauftragten im Thüringer Gleichstellungsgesetz klar geregelt. Die Arbeit ist in allen Bereichen der Kommune verankert – von sozialen Themen über Infrastruktur bis hin zur Wirtschaft. Mit der digitalen Entwicklung sind neue Felder hinzugekommen: Medienkompetenz, digitale Gewalt und digitale Sicherheit gehören inzwischen fest zum Aufgabenprofil.
Besonders stolz ist Ulrike Quentel darauf, dass das Frauenhaus in Eisenach über Jahrzehnte hinweg gesichert werden konnte. Trotz finanziell schwieriger Zeiten blieb die Einrichtung mit ihrer fachlich spezialisierten Arbeit gegen häusliche Gewalt bestehen. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit war der Aufbau und die Pflege regionaler Netzwerke. Der Arbeitskreis Frauen, der seit 1990 besteht, bündelt Informationen, Austausch und gemeinsame öffentlichkeitswirksame Aktionen. Ein solch dauerhaftes Frauennetzwerk gibt es nur in wenigen Regionen Thüringens.
Zu den Projekten, die ihr besonders am Herzen liegen, zählen neben Frauenhaus und Arbeitskreis Frauen die Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten in Thüringen sowie die Unterstützung der in der DDR geschiedenen Frauen. Viele von ihnen müssen heute mit sehr geringen Renten leben, weil sie weder einen Versorgungsausgleich aus der Scheidung erhielten noch auf hohe eigene Einkommen zurückblicken können. Diese Gruppe begleitet Quentel seit vielen Jahren, auch wenn politische Unterstützung und der geforderte Gerechtigkeitsfonds bislang ausgeblieben sind.
Für die kommenden Jahre sieht sie das Thema Gleichberechtigung weiterhin als dringlich an. Noch immer sind Frauen im Stadtrat und im Kreistag unterrepräsentiert, politische Partizipation bleibt für sie ein zentrales Thema. Sie warnt vor zunehmenden antifeministischen und gegen Gleichstellung gerichteten Strömungen, insbesondere im digitalen Raum. Auch der Klimawandel und seine unterschiedlichen Auswirkungen auf Frauen und Männer sowie die anhaltend ungleich verteilte, unbezahlte Sorgearbeit in Familien und Pflege bewertet sie als große gesellschaftliche Herausforderung.
Als rechtlichen Meilenstein ihrer Arbeit nennt Quentel das Thüringer Gleichstellungsgesetz von 1998, das 2013 novelliert wurde. Aus ihrer Sicht braucht es inzwischen erneut eine Überarbeitung, damit es unter veränderten gesellschaftlichen und digitalen Rahmenbedingungen wirksam bleibt.
Mit dem Übergang in den Ruhestand endet ihr hauptberufliches Wirken, ihr Engagement in Eisenach geht aber weiter. Ulrike Quentel bleibt ehrenamtlich im Trägerverein des Frauenhauses aktiv und arbeitet im Gemeindekirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Eisenach mit. Ab Frühjahr 2027 wird sie zudem der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland angehören. Auch ihre Radiosendung im Wartburg-Radio 96,5 zu Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Frauenpolitik will sie fortführen.
Ein weiteres persönliches Anliegen bleibt ihr Blick auf die Geschichte: Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit Frauen, die in früheren Jahrhunderten in Eisenach Besonderes geleistet haben, und macht ihre Biografien wieder sichtbar. Daran möchte sie im Ruhestand anknüpfen – neben Zeit für Reisen, neue Eindrücke und die Freiheit, den Alltag auch einmal ohne Termindruck zu gestalten.
Ein ausführliches Porträt ihres Engagements und ihrer Auszeichnungen, darunter der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und der Eintrag in das Goldene Buch der Stadt, wurde bereits im Zusammenhang mit einer städtischen Ehrung veröffentlicht: Eisenach würdigt Ulrike Quentel für jahrzehntelanges Engagement.
Quelle: Pressemitteilung vom 02.10.2026
Foto: Stadtverwaltung Eisenach
Veröffentlicht am 02.10.2026 12:27 von Christian Wolf, Redakteur
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