ThSV Eisenach verpasst Sensation gegen THW Kiel nur um ein Tor
Der ThSV Eisenach hat am Freitagabend, 19. September 2026, den großen THW Kiel in der Werner-Aßmann-Halle an den Rand einer Niederlage gebracht. Vor 2.850 Zuschauern, die für eine durchgehend laute Kulisse sorgten, unterlag der Aufsteiger dem Rekordmeister nur mit 27:28 (14:14). Nach einem späten 27:27-Ausgleich fehlte in den letzten Sekunden die Belohnung für eine der stärksten Defensivleistungen der bisherigen Saison.
Von Beginn an entwickelte sich ein intensives Spiel, in dem Kiel zunächst Vorteile hatte. Über 4:5 (13.), 6:9 (17.) und 7:10 (20.) setzten sich die Gäste leicht ab. Eisenach fand jedoch Antworten, drehte die Partie zwischenzeitlich auf 11:10 (25.), ehe es mit einem 14:14-Unentschieden in die Pause ging. Die Werner-Aßmann-Halle war da längst auf Betriebstemperatur.
Nach dem Seitenwechsel steigerte sich die Eisenacher Deckung weiter. Cheftrainer Sebastian Hinze sprach später von der „besten Defensivleistung der Saison“. Trotz der frühen zweiten Zeitstrafe gegen Tillman Leu und der notwendigen Umstellungen im Innenblock stand die Abwehr stabil, arbeitete mit guter Höhe und funktionierenden Helfersituationen. Bis zur 41. Minute erspielte sich der ThSV ein 20:17 und damit ein 3-Tore-Plus – der Favorit wankte.
In dieser Phase verpassten es die Gastgeber jedoch, den Vorsprung zu halten oder auszubauen. Drei vergebene Angriffe und frühes passives Spiel brachten Kiel zurück. Die Norddeutschen nutzten ihre individuelle Klasse: Domagoj Duvnjak und Julian Köster übernahmen Verantwortung, Torhüter Gonzalo Perez de Vargas wurde immer mehr zum Faktor, Lukas Zerbe schloss konsequent ab. Beim 24:26 (55.) schien das Spiel zu kippen, doch Eisenach kam noch einmal zurück.
In der Schlussminute bebte die Halle. Zunächst verkürzte Felix Aellen mit seinem fünften sicher verwandelten Siebenmeter, dann traf Vukasin Antonijevic zum 27:27-Ausgleich (59.). Der Rekordmeister antwortete durch Emil Madsen zum 27:28. Den letzten Wurf von Aellen kurz vor der Sirene entschärfte erneut Perez de Vargas – der Traum vom Punktgewinn war geplatzt.
In der Analyse überwog bei den Eisenachern die Mischung aus Stolz und Enttäuschung. Rechtsaußen Gian Attenhofer betonte, das Zusammenspiel aus Mannschaft und Halle habe Kiel „an den Rand einer Niederlage“ gebracht, am Ende stehe aber „eine Null auf der Habenseite“. Linksaußen David Móré sprach von Traurigkeit über den verpassten Punkt, lobte aber die eigene Abwehr und verwies darauf, dass die Mannschaft ihr 3-Tore-Polster nicht clever genug ausgespielt habe. Torhüter Mats Grupe, der unter anderem einen Siebenmeter von Zerbe parierte, sah verpasste „big Points“ als entscheidend an.
Auch aus Sicht der Verantwortlichen war mehr möglich. Sportdirektor Maik Nowak hob die fünf zugesprochenen und allesamt verwandelten Siebenmeter als Beleg für ein gutes Angriffsspiel hervor, zeigte sich aber frustriert, dass die Leistung nicht mit einem Punktgewinn belohnt wurde. Hinze wiederum bedankte sich ausdrücklich für die Atmosphäre in der Halle und machte deutlich, dass genau diese Spiele der Entwicklung seiner Mannschaft helfen – auch, weil klar geworden sei, „was es zu verbessern gilt“.
Die Zahlen unterstreichen, wie eng die Partie war. Kiel erzielte 28 Tore bei einer Wurfquote von rund 62 Prozent, Eisenach kam auf 27 Treffer bei knapp 63 Prozent. Beide Teams leisteten sich ähnlich viele technische und Regelfehler (Eisenach 9, Kiel 8), und auch bei den erfolgreichen Angriffen lag nur ein Versuch dazwischen: 27 für den ThSV, 28 für den THW. Deutlich war der Unterschied in Überzahlsituationen: Kiel traf hier elfmal, Eisenach nur sechsmal.
Auf der Torhüterposition hatten die Gäste leichte Vorteile. Perez de Vargas verzeichnete zehn Paraden und war vor allem in Druckmomenten zur Stelle – inklusive des letzten Wurfs der Partie. Auf Eisenacher Seite kam Matija Spikic auf sechs Paraden bei 25 Gegentoren, Grupe steuerte in der Schlussphase zwei gehaltene Siebenmeter beziehungsweise Würfe bei. Im Angriff war Aellen mit sechs Toren (davon fünf Siebenmeter) bester Werfer der Gastgeber, gefolgt von Peter Walz (4), David Móré (3) und Dominik Solak (3). Bei Kiel ragte Zerbe mit sechs Treffern (6/1) heraus.
Ein bemerkenswerter Moment spielte sich abseits des eigentlichen Geschehens ab: Kiels Kreisläufer Veron Nacinovic zog sich im Spielverlauf eine Platzwunde an der Augenbraue zu und spielte mit Druckverband weiter. Nach dem Abpfiff wurde er von Eisenachs Mannschaftsarzt Dr. Enrico George behandelt und die Verletzung genäht – ein kleines Beispiel für den respektvollen Umgang der Teams miteinander.
Auch frühere Eisenacher prägten den Abend. Linksaußen Vincent Büchner, im Sommer von Eisenach nach Kiel gewechselt, erzielte seinen ersten Punktspieltreffer für den neuen Club nach längerer Verletzungspause. THW-Coach Børge Lund lobte ihn ausdrücklich als starken Abwehrspieler mit gutem Rückzugsverhalten. Lund selbst sprach insgesamt von einem „unfassbar schweren“ Spiel für seine Mannschaft und zeigte sich „wahnsinnig froh“, beide Punkte mitnehmen zu können – ein weiteres Indiz dafür, wie nah Eisenach an einer Überraschung war.
Für positive Signale sorgte zudem ein Comeback auf der Bank: Rückraumspieler Jannis Schneibel, Aufstiegsregisseur der Saison 2022/2023, saß nach langer Verletzungspause erstmals wieder im Eisenacher Aufgebot. Nach mehreren schweren Schulter- und Kreuzbandverletzungen, unter anderem während seiner Ausleihe zum HBW Balingen-Weilstetten, kehrte der 25-Jährige im Sommer 2025 zum ThSV zurück und war nun wieder Teil des Kaders.
Die offizielle Statistik des Abends rundet das Bild ab: Die Schiedsrichter Christian und Fabian vom Dorff verhängten jeweils vier Zeitstrafen pro Team. Für Eisenach trafen neben Aellen (6/5) Walz (4), Attenhofer (3), Móré (3), Solak (3), Leu (2), Joelsson (2), Scholtes (2), Antonijevic (1) und Seitz (1). Auf Kieler Seite trugen sich unter anderem Reinkind (4), Zerbe (6/1), Skipagøtu (3), Madsen (3), Ankermann (2), Dahmke (2) und Nacinovic (2) in die Torschützenliste ein.
Für Kiel war der knappe Erfolg der fünfte Sieg im fünften Saisonspiel (10:0 Punkte); am 26. September 2026 wartet das Nordderby gegen die SG Flensburg-Handewitt. Eisenach reist bereits am Mittwoch, 23. September 2026, in der zweiten DHB-Pokal-Runde zum Zweitliga-Aufsteiger TV Emsdetten, bevor am 28. September 2026 das nächste Bundesligaspiel beim HC Erlangen ansteht. Die Leistung gegen Kiel gibt der Mannschaft Rückenwind – auch wenn die Enttäuschung über den verpassten Punkt zunächst überwiegt.
Quelle: Pressemitteilung vom 19.09.2026
Veröffentlicht am 19.09.2026 15:11 von Christian Wolf, Redakteur
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