Gerstungens Bürgermeister stellt Länderwechsel-Debatte auf breite Sachbasis
Die Diskussion um einen möglichen Wechsel der Gemeinde Gerstungen nach Hessen oder einen Verbleib im Freistaat Thüringen nimmt Fahrt auf. Bürgermeister Daniel Steffan hat seine Beweggründe nun in einem ausführlichen Schreiben dargelegt. Darin benennt er sechs zentrale Problemfelder – von maroden Straßen über planerische Hürden bis hin zu Schul- und Bahnfragen – und verbindet diese mit der Frage, ob Gerstungens Zukunftsperspektiven in Thüringen ausreichend berücksichtigt werden.
Ausgangspunkt der Debatte ist Artikel 29 des Grundgesetzes, der grundsätzlich Gebietsveränderungen zwischen Bundesländern ermöglicht. Steffan verweist darauf, dass seit der Wiedervereinigung bereits mehrere Orte Thüringen verlassen und sich Sachsen angeschlossen haben. Für Gerstungen gehe es nun darum, die eigenen Rahmenbedingungen nüchtern zu analysieren und die Diskussion über einen möglichen Länderwechsel auf eine sachliche Grundlage zu stellen.
Als erstes Problemfeld nennt der Bürgermeister die Verkehrsinfrastruktur im Raum Gerstungen-Marksuhl. Die Landstraßen L 1020 (Gerstungen–Förtha, „Trasse“), L 1021 (Gerstungen–Wommen) und L 2116 (Marksuhl–Berka/Werra) beschreibt er als baulich überaltert und in schlechtem Zustand. Trotz der hohen Verkehrsbelastung durch Autobahn- und Bahnanschlüsse seien grundlegende Sanierungen und Ortsumfahrungen – etwa für den Kernort Gerstungen – bis heute nicht umgesetzt. Auch für Marksuhl sieht Steffan keine tragfähigen Planungen, obwohl die Strecke Richtung Fernbreitenbach im Regionalplan als überregionale Verbindung ausgewiesen ist.
Mit Blick auf die Rennsteigquerung südwestlich von Eisenach kritisiert Steffan, dass Thüringen weiterhin an einer Tunnelvariante bei Wilhelmsthal festhalte, die aus seiner Sicht weder finanzierbar noch sinnvoll sei. Konkrete Alternativplanungen für den Raum Gerstungen sieht er nicht. Seine Bilanz: Weder gebe es überzeugende Konzepte für das Landesstraßennetz, noch würden Gemeinschaftsmaßnahmen mit der Gemeinde konsequent verfolgt.
Als zweiten Schwerpunkt führt Steffan eine „landesplanerische Teil-Blockade“ der Gemeindeentwicklung an. Gerstungen ist mit fast 150 Quadratkilometern die flächenmäßig größte Gemeinde Thüringens und umfasst elf frühere Einzelgemeinden mit jeweils eigener Struktur. Nach Darstellung des Bürgermeisters werden diese Unterschiede in der Landesplanung zu wenig berücksichtigt. Bei der Ausweisung neuer Wohnbauflächen im Kernort Gerstungen – etwa im Bereich hinter dem Penny-Markt – habe das Thüringer Landesverwaltungsamt (TLVwA) seit 2019 wiederholt Bedenken angemeldet.
So sei der Wohnbauflächenbedarf infrage gestellt, auf Baulücken in anderen Ortsteilen verwiesen und die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung als Argument gegen größere Neubaugebiete angeführt worden. Die geplante Fläche von rund 5,5 Hektar für etwa 175 Wohneinheiten gilt dem TLVwA als zu groß. Zudem fordert die Behörde eine umfassende Neubewertung der Gesamtentwicklung und ein städtebauliches Gesamtkonzept für den Randbereich des Ortsteils. Auch beim seit 2020 laufenden Flächennutzungsplan sieht Steffan immer neue Einwände, etwa zur Dimensionierung von Wohnbauflächen oder zur Berechnung des Bedarfs.
Konkrete Folgen sieht der Bürgermeister auch für die Nahversorgung. Alle bestehenden Lebensmittelmärkte in Gerstungen streben demnach Neubauten und Flächenerweiterungen an. Ein eigens beauftragtes Einzelhandelskonzept sollte diese Entwicklung untermauern. Weil der Flächennutzungsplan aber noch nicht rechtskräftig ist, verzögert sich aus Sicht der Gemeinde die Bauleitplanung für einzelne Märkte. Gleichzeitig plant der Nachbarort Obersuhl im hessischen Wildeck einen neuen Penny-Markt im Gewerbegebiet. Steffan befürchtet, dass sich Kaufkraft aus Gerstungen dorthin verlagert – ähnlich wie bereits beim dortigen Rossmann oder beim geplanten neuen Markt in Herleshausen, der laut seinen Angaben ausdrücklich mit Kunden aus Lauchröden kalkuliert.
Im dritten Themenblock richtet Steffan den Blick auf die Schulen. Er stellt Kennzahlen der Kultusministerkonferenz gegenüber, nach denen in Hessen auf eine Lehrkraft im Schnitt 14,3 Schülerinnen und Schüler kommen, in Thüringen 16,4. Auch die durchschnittliche Unterrichtsmenge pro Schüler und Klasse liegt in Hessen höher. Besonders ins Gewicht fällt für ihn die tatsächlich erteilte Unterrichtszeit: 1,75 Unterrichtsstunden je Lehrer und Schüler pro Woche in Hessen gegenüber 1,34 in Thüringen.
Als Vater von fünf Kindern schildert Steffan häufige Unterrichtsausfälle und fehlende Fachlehrer, vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern. In der Folge wechselten immer mehr Familien aus Gerstungen mit ihren Kindern an hessische Schulen. So pendeln laut Bürgermeister inzwischen auch Schülerinnen und Schüler aus den östlichen Ortsteilen täglich zur „Blumenstein-Gesamtschule“ in Wildeck-Obersuhl – mit Fahrzeiten von rund anderthalb Stunden pro Tag. Für die Regelschule Marksuhl sieht er diese Entwicklung als bedrohlich und befürchtet, dass sie bei künftigen Schulnetzplanungen des Wartburgkreises zur Disposition stehen könnte. Auch das Gerstunger Gymnasium spüre die Abwanderung.
Viertens thematisiert Steffan die Bahnstrecke Bebra–Erfurt. Zwischen Gerstungen und Sallmannshausen fehle sowohl aktiver als auch passiver Lärmschutz, während auf hessischer Seite entlang der Strecke Lärmschutzwände errichtet worden seien. Die prognostizierte Zunahme des Zugverkehrs verschärfe die Belastung. Hinzu kommen zwei beschrankte Bahnübergänge im Bereich Neustädt/Sallmannshausen, die nach Einschätzung der Gemeinde ein Risiko für Feuerwehr und Rettungsdienst darstellen, weil Einsatzzeiten durch lange Schließphasen überschritten werden könnten.
Auch der Zustand des Bahnhofs Gerstungen und des Haltepunkts Marksuhl wird kritisiert. Nicht alle Bahnsteige sind barrierefrei erreichbar, bei Starkregen kommt es zu überfluteten Unterführungen, und der bauliche Verfall des Areals schreitet voran. Trotz wiederholter Hinweise der Gemeinde gebe es weder verbindliche Zusagen der Deutschen Bahn noch sichtbare Fortschritte. Für Marksuhl verweist Steffan auf eine rege Nutzung durch Beschäftigte des Gewerbegebiets, ohne dass sich dies im Erscheinungsbild der Anlage widerspiegele.
Im fünften Abschnitt blickt der Bürgermeister auf die wirtschaftlichen Verflechtungen. Eine Übersicht der Fahrzeiten zeigt, dass Gerstungen per Bahn und Auto in kurzer Zeit Osthessen und das Rhein-Main-Gebiet erreicht: Nach Bebra sind es per Bahn 17 Minuten, nach Bad Hersfeld 33 Minuten, nach Fulda knapp eine Stunde, nach Frankfurt am Main rund zwei Stunden mit der Bahn und etwa 1 Stunde 45 Minuten mit dem Auto. Nach Kassel und Erfurt liegen die Reisezeiten in einem ähnlichen Bereich, während die Anbindung an die Kreisstadt Bad Salzungen deutlich länger ausfällt.
Aus diesen Zahlen leitet Steffan ab, dass sich der funktionale Wirtschaftsraum Gerstungens stärker nach Westen orientiert. Bad Hersfeld und Fulda seien wichtige Bezugspunkte für Arbeitsplätze, spezialisierten Einzelhandel, Kultur, Bildung und Gesundheitsversorgung. Dem gegenüber stellt er die Lage in Westthüringen, wo der Automobilzuliefersektor seit Jahren Arbeitsplätze abbaut und neue Stellen vor allem in Logistik und einfachen Dienstleistungen entstehen. Er erwartet, dass qualifizierte Beschäftigte aus Gerstungen künftig verstärkt nach Osthessen und in den Raum Fulda auspendeln.
Zur Untermauerung verweist Steffan auf volkswirtschaftliche Kennzahlen: Das nominale Bruttoinlandsprodukt Hessens lag 2025 bei 382,4 Milliarden Euro, das Thüringens bei 80,6 Milliarden Euro. Im Länderfinanzausgleich tritt Hessen als Geber mit über 4 Milliarden Euro auf, Thüringen erhält rund 2,2 Milliarden Euro. Daraus schließt der Bürgermeister, dass hessische Kommunen grundsätzlich mit einer stärkeren finanziellen Unterstützung durch das Land rechnen können als thüringische Gemeinden.
Schließlich erinnert Steffan an die historischen Verbindungen Gerstungens zu Hessen und Fulda. Der Ort stand über Jahrhunderte im Einflussbereich des Klosters Fulda und fungierte als Grenz- und Vorposten zwischen verschiedenen Herrschaftsräumen. Erst im 15. Jahrhundert wechselte das Amt Gerstungen dauerhaft in den thüringisch-sächsischen Bereich, während benachbarte Orte wie Wildeck nach Hessen kamen. Die heutige Landesgrenze sei daher das Ergebnis zahlreicher Grenzverschiebungen und nicht Ausdruck eines über Jahrhunderte stabilen Zustands.
Am Ende seines Schreibens betont der Bürgermeister, dass Thüringen für ihn Heimat bleibe und er sich mit Land und Region identifiziere. Sein Vorstoß solle keine Abkehr von dieser Identität sein, sondern die strukturellen Probleme des Raums Gerstungen deutlich machen. Ziel sei es, auf Landesebene ein stärkeres Bewusstsein für die Situation der Großgemeinde und des gesamten Gebietes südwestlich von Eisenach zu schaffen.
Steffan kündigt an, den nun beginnenden Diskussionsprozess eng zu begleiten und die Bürgerinnen und Bürger über weitere Schritte zu informieren. Gemeinderat, Verwaltung und Bürgermeister wollen nach seinen Worten gemeinsam daran arbeiten, die Entwicklungschancen der Gemeinde zu sichern – ob in Thüringen oder, falls die Debatte weiter an Fahrt gewinnt, in einem anderen Bundesland.
Quelle: Pressemitteilung vom 08.09.2026
Foto: Gemeinde Gerstungen
Veröffentlicht am 08.09.2026 20:50 von Christian Wolf, Redakteur
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