25.07.2025 👎1

Zwischen Vision und Wirklichkeit: Gerstungen ringt mit Folgen der Gebietsreform

Die Gemeinde Gerstungen sieht sich vor immensen Herausforderungen, die aus der Gebietsreform von 2017 resultieren. Bürgermeister Daniel Steffan skizziert in einer umfassenden Analyse die Problemlagen und benennt den hohen Investitionsbedarf bei der Infrastruktur. Die Folge: Die Gemeinde wird auf Jahre hinaus mit starken finanziellen Belastungen konfrontiert sein. Parallel besteht die Notwendigkeit, den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter zu stärken.

Gut ein Jahr nach seiner ersten Lageanalyse legt Gerstungens Bürgermeister Steffan eine zweite, offene Bestandsaufnahme vor. Er führt die Verzögerung der Veröffentlichung auf die vielfältigen und komplexen Herausforderungen zurück, vor denen Gemeinderat, Bürger und Verwaltung stehen. Steffan bezeichnet sich in dem Beitrag selbst als „Bürgermeister von außen“ und betont, dass er mit einem neutralen, aber kritischen Blick auf die aktuellen Entwicklungen schaue.

Mit Blick auf die Historie erinnert Steffan daran, dass die Eingemeindung von Marksuhl und Wolfsburg-Unkeroda mit der Hoffnung verbunden war, eine wirtschaftlich starke, dauerhaft eigenständige Gemeinde zu schaffen. Dieser Prozess wurde 2017 durch einen gemeinsamen Antrag an den Freistaat Thüringen angestoßen. Nach intensiver Aktenrecherche erklärt der Bürgermeister, zentrale strukturelle Herausforderungen seien in den Planungen unzureichend berücksichtigt worden.

Demnach habe insbesondere das gravierende Entwicklungsgefälle der kommunalen Infrastrukturen zwischen den Ortsteilen zu einer heute dramatischen Ausgangslage geführt. Während in „Alt-Gerstungen“ nach 1990 systematisch in die Trinkwasser- und Abwasseranlagen investiert worden sei, fehle in mehreren Ortsteilen – etwa Burkhardtroda, Eckardtshausen und Wolfsburg-Unkeroda – bis heute der Anschluss an zentrale Kläranlagen. Der aktuelle Zustand der Abwasserentsorgung befinde sich dort noch auf dem Niveau der DDR und mache erhebliche Investitionen erforderlich. Auch bei der Straßensubstanz bestehe erheblicher Nachholbedarf.

Der Bürgermeister diagnostiziert, dass die Gemeinde dadurch gezwungen sei, den Großteil ihrer finanziellen und administrativen Ressourcen in die Bewältigung dieser Rückstände zu stecken. Grundlage dafür sei die gesetzliche Verpflichtung zur Einhaltung aktueller Abwasserstandards in allen Ortsteilen. Ein entsprechendes Abwasserbeseitigungskonzept verpflichte die Gemeinde, bis 2038/40 die erforderlichen Anschlüsse umzusetzen.

Die entstehenden Kosten schätzt Steffan auf 60 bis 90 Millionen Euro allein für den Bereich Abwasser. Die Finanzierung müsse vor allem durch Gebühren- und Beitragszahler erfolgen. Infolgedessen müsse in den kommenden Jahren mit steigenden Kosten für Wasser, Abwasser, Grund- und Gewerbesteuern sowie Mieten und Nutzungsgebühren gerechnet werden. Zudem sei davon auszugehen, dass freiwillige Leistungen der Gemeinde reduziert werden müssten.

Der Blick auf die Zukunft stimmt laut Steffan wenig optimistisch: Auch die Straßeninfrastruktur erfordere zusätzliche Investitionen von schätzungsweise 30 bis 50 Millionen Euro. Sinkende Bevölkerungszahlen, eine abnehmende Steuerkraft und wachsende Baukosten verschärften die Herausforderungen. Fördermittel des Landes seien kaum noch verfügbar, sodass die Gemeinde die Belastungen praktisch alleine schultern müsse.

Als Folge könnten insbesondere Anwohner der am Rand gelegenen Ortsteile wie Burkhardtroda oder Eckardtshausen auch in den kommenden Jahrzehnten keinen Fortschritt bei der Abwasserinfrastruktur erwarten, finanzierten aber dennoch die steigenden Gebühren mit. Steffan stellte in diesem Zusammenhang infrage, ob eine Eingemeindung nach Eisenach nicht effizientere Lösungen ermöglicht hätte.

Der Bürgermeister betont die Notwendigkeit, in Anbetracht dieser Belastungen eine offene Diskussion über die langfristige Finanzierbarkeit der Gemeinde und die Priorisierung künftiger Aufgaben zu führen. Insbesondere die Sicherung der Pflichtaufgaben wie Feuerwehr, Sozialeinrichtungen und Kindergärten stehe im Fokus.

Steffan hebt hervor, dass sich Gerstungen dennoch auf einem guten Weg befinde, das Vertrauen in den Gremien und der Bevölkerung zu stärken. Er berichtet von laufenden Gesprächen mit dem Freistaat Thüringen, um finanzielle Unterstützungsmaßnahmen für die Gemeinde zu verhandeln. Unterstützung erhalte er dabei von Kreis- und Landtagsvertretern.

Abschließend appelliert Steffan an die Verantwortung der Gemeinde und ihrer Bürgerinnen und Bürger, die Chancen der Gebietsreform weiter zu nutzen, auch wenn die Entwicklung schwieriger und kostenintensiver als angenommen sei.

Quelle: Pressemitteilung vom 25.7.2025
Foto: Gemeinde Gerstungen
Veröffentlicht am von , Redakteur

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