16.09.2026 👍1

Länderwechsel vom Tisch: Gerstungen fordert Sonderstatus von Thüringen

Die Gemeinde Gerstungen bleibt vorerst in Thüringen – und setzt stattdessen auf härtere Verhandlungen mit dem Land. Nach der bundesweit beachteten Debatte um einen möglichen Wechsel nach Hessen will Bürgermeister Daniel Steffan die strukturellen Probleme der Großgemeinde nun über einen umfassenden Forderungskatalog an den Freistaat adressieren. Grundlage ist eine Beschlussvorlage, über die der Gemeinderat am 24. September 2026 entscheiden soll.

Auslöser der aktuellen Diskussion war Steffans Ankündigung vom 8. September 2026, einen möglichen Länderwechsel prüfen zu lassen. Die Reaktionen reichten von Zustimmung bis zu heftiger Kritik in sozialen Netzwerken. Der Bürgermeister räumt ein, die Wucht des „Shitstorms“ unterschätzt zu haben, hält den Vorstoß aber für notwendig, um die aus seiner Sicht ungelösten Probleme der Gemeinde sichtbar zu machen.

Im Hauptausschuss wurde der Prüfauftrag für einen Länderwechsel am 15. September intensiv beraten. Die Mitglieder teilten nach Angaben der Gemeinde die geschilderte Problemlage grundsätzlich, sprachen sich aber dafür aus, zunächst auf einen strukturierten Austausch mit dem Freistaat Thüringen zu setzen. Der Gemeinderat soll nun beschließen, einen detaillierten Forderungs- und Aufgabenkatalog zu verabschieden und auf dieser Basis in Verhandlungen mit Landesregierung, Ministerien und Landesverwaltungsamt zu gehen.

Im Mittelpunkt der Vorlage steht die Einschätzung, dass Gerstungen historisch, geografisch und finanziell in einer Ausnahmesituation ist. Die Ortsteile Gerstungen, Lauchröden, Unterellen, Sallmannshausen und Neustädt lagen über Jahrzehnte im Grenz- bzw. Sperrgebiet der DDR. Nach Ansicht der Gemeinde konnten die daraus entstandenen Infrastrukturdefizite bis heute nicht aufgeholt werden. Gleichzeitig konkurriert Gerstungen mit den unmittelbar angrenzenden hessischen Kommunen um Einwohner, Wohnbauflächen, Unternehmen, Arbeitsplätze und Kaufkraft.

Zusätzlich verweist die Vorlage auf die Folgen der Gebietsreform 2018. Mit der Eingliederung von Marksuhl und Wolfsburg-Unkeroda habe Gerstungen nicht nur Einwohner und Fläche übernommen, sondern auch erhebliche infrastrukturelle Defizite und finanzielle Verpflichtungen. Die Gemeinde beziffert die übernommenen Lasten und Nachholbedarfe auf mehr als 100 Millionen Euro. Vor diesem Hintergrund sieht sie sich mit mehreren gleichzeitigen Herausforderungen konfrontiert: dem Abbau historischer Infrastrukturdefizite, den Zusatzlasten aus der Gebietsreform, der Unterhaltung einer weitläufigen Einheitsgemeinde mit vielen Ortsteilen sowie der Finanzierung notwendiger Zukunftsinvestitionen.

Ein zentrales Thema sind die städtebaulichen Entwicklungsmöglichkeiten. Gerstungen verweist auf eine sehr geringe Leerstandsquote von 0,50 Prozent marktaktiver Wohnungen (Stand Mai 2022 laut Thüringer Landesamt für Statistik) und fordert mehr Spielraum bei der Ausweisung von Wohnbauflächen. Verzögerungen oder Einschränkungen bei neuen Baugebieten hätten in der Grenzlage unmittelbare Folgen: Bauwillige Familien weichen nach Hessen aus, was Einwohner, Steuerkraft und langfristige Entwicklungschancen kosten kann.

Auch die Nahversorgung wird als kritischer Punkt benannt. Die bestehenden Standorte von EDEKA, Penny und Netto in Gerstungen und Marksuhl gelten als zentrale Versorger für die Gemeinde und ihr Umland. Nach Darstellung der Kommune werden notwendige Modernisierungen und Erweiterungen durch planerische und administrative Vorgaben erschwert oder verzögert. Die Gemeinde fordert, entsprechende Vorhaben künftig deutlich lösungsorientierter zu begleiten, um die Versorgung in der flächengroßen Gemeinde dauerhaft zu sichern.

Gleichzeitig betont die Beschlussvorlage die besonderen Standortchancen. Gerstungen liegt direkt an der A4, in Nähe der A44, an der Bahnstrecke Bebra–Erfurt und unmittelbar an der Landesgrenze zu Hessen. Daraus leitet die Gemeinde erhebliche Potenziale für Gewerbe, Industrie, Logistik, Dienstleistungen, Wohnen und Einzelhandel ab. Aus ihrer Sicht sollte der Ort nicht als Randlage, sondern als westliches Eingangstor Thüringens und strategischer Entwicklungsstandort im Grenzraum Thüringen–Hessen wahrgenommen werden.

Seit seinem Amtsantritt hat Steffan nach eigenen Angaben wiederholt mit Vertretern des Freistaats, Ministerien und dem Thüringer Landesverwaltungsamt über diese Themen gesprochen – von maroden Straßen über die „Trasse“ zwischen Gerstungen und Oberellen bis hin zu Schul- und Bahnfragen. Aus Sicht der Gemeinde fehlen bislang jedoch verbindliche Zusagen und eine übergreifende Strategie, die der Größenordnung der Herausforderungen gerecht wird. Einzelne Gespräche hätten zwar Teilprobleme beleuchtet, aber keine tragfähige Gesamtlösung gebracht.

Die nun vorliegende Beschlussvorlage fordert deshalb einen grundsätzlichen Kurswechsel. Statt einzelner Projekte sollen historische Nachteile, aktuelle Sonderbelastungen und künftige Chancen gemeinsam betrachtet werden. Konkret verlangt der Gemeinderat vom Freistaat einen strukturellen Sonderlastenausgleich für Gerstungen und vergleichbare Kommunen. Berücksichtigt werden sollen dabei unter anderem die frühere Grenzlage, der Infrastruktur-Nachholbedarf, die Lasten aus der Gebietsreform, die Größe und Ausdehnung der Einheitsgemeinde, die Vielzahl der Ortsteile und der Wettbewerb mit wirtschaftlich starken Regionen in Nachbarländern.

Darüber hinaus strebt die Gemeinde eine Einstufung als finanzschwache Kommune beziehungsweise eine förderrechtliche Gleichstellung an. Ziel sind höhere Fördersätze und geringere Eigenanteile bei Investitionen, um die geschätzten Nachholbedarfe von über 100 Millionen Euro schrittweise abarbeiten zu können. Der Bürgermeister soll einen priorisierten Maßnahmenkatalog für Straßen, Brücken, öffentliche Gebäude, Feuerwehr- und soziale Infrastruktur sowie die übernommenen Sanierungsbedarfe erarbeiten und nach Dringlichkeit, Volumen und Umsetzungszeitraum ordnen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist eine „besondere landesplanerische Behandlung“. Gerstungen fordert größere Spielräume bei Wohnbauflächen, Gewerbe- und Industriegebieten, Nahversorgung, Revitalisierung von Brachflächen sowie bei Planungs- und Genehmigungsverfahren. Die Zusammenarbeit mit dem Thüringer Landesverwaltungsamt soll stärker darauf ausgerichtet werden, kommunale Entwicklung zu ermöglichen und Verfahren zu beschleunigen.

Im Bereich Nahversorgung erwartet die Gemeinde, dass der Freistaat notwendige Modernisierungen und Erweiterungen der bestehenden Lebensmittelmärkte in Gerstungen und Marksuhl konstruktiv unterstützt. Aus Sicht der Kommune sollen solche Projekte im Rahmen des rechtlich Zulässigen ermöglicht und nicht durch aus ihrer Sicht unverhältnismäßige Vorgaben gefährdet werden.

Schließlich soll der Freistaat die Standortvorteile Gerstungens an Autobahnen und Bahnstrecke stärker in seine Entwicklungsstrategien einbeziehen. Ziel ist, Einwohner, Unternehmen, Arbeitsplätze, Investitionen und Kaufkraft im Land zu halten oder neu zu gewinnen. Dazu gehört nach Vorstellung der Gemeinde auch eine langfristige strategische Entwicklungsvereinbarung zwischen Thüringen und Gerstungen mit konkreten Maßnahmen, finanziellen Zusagen, Zuständigkeiten und Zeitplänen.

Der Bürgermeister wird beauftragt, auf Basis der neun Beschlusspunkte einen verbindlichen Forderungs- und Aufgabenkatalog zu formulieren und mit Landesregierung, Ministerien, Landesverwaltungsamt und weiteren Behörden zu verhandeln. Über den Fortgang und die Ergebnisse soll er den Gemeinderat regelmäßig informieren. Erst wenn klar ist, welche verbindlichen Zusagen der Freistaat macht, will die Gemeinde bewerten, ob es eine tragfähige langfristige Perspektive innerhalb Thüringens gibt. Bleibt diese aus, hält die Vorlage ausdrücklich auch eine erneute, ergebnisoffene Prüfung eines möglichen Länderwechsels nach Hessen für sachgerecht.

Steffan betont in seiner Stellungnahme, dass er die Entscheidung, die Debatte um einen Länderwechsel öffentlich anzustoßen, allein getroffen habe und bereit sei, die politischen Konsequenzen zu tragen. Zugleich macht er deutlich, dass es ihm um die langfristige Entwicklung der Gemeinde geht – und darum, dass die besonderen Rahmenbedingungen im äußersten Westen Thüringens in der Landespolitik mehr Gewicht bekommen.

Quelle: Pressemitteilung vom 16.09.2026
Foto: Gemeinde Gerstungen
Veröffentlicht am von , Redakteur

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