Neuer Klima-Index: Thüringens Landschaften verlieren Schutzfunktion
Thüringens Landschaften geraten beim Schutz vor Hitze, Trockenheit und Hochwasser zunehmend an ihre Grenzen. Das zeigt der neue ECONICS-Grün-Feucht-Kühl-Index (GFKI) 2026, den der NABU gemeinsam mit dem ECONICS Institut vorgestellt hat. Demnach verlieren viele Regionen im Freistaat ihre Fähigkeit, Wasser zu speichern, die Umgebung zu kühlen und damit die Folgen der Klimakrise abzufedern. Besonders betroffen sind intensiv landwirtschaftlich genutzte Gebiete wie das Thüringer Becken, während waldreiche Regionen wie der Thüringer Wald deutlich besser abschneiden.
Der GFKI bewertet, wie „grün, feucht und kühl“ eine Landschaft ist. In die Auswertung fließen große Mengen hochauflösender Satellitendaten ein, die unter anderem Vegetationsdichte, Bodenfeuchte und Temperaturentwicklung abbilden. Auffällig ist der bundesweit negative Trend: Stark versiegelte Städte, ausgeräumte Agrarlandschaften und begradigte Gewässerräume weisen besonders große Defizite auf. Studienautor Prof. Dr. Pierre Ibisch betont, dass der Index nicht auf Schätzungen beruht, sondern auf gemessenen Veränderungen und konkrete Hinweise liefert, welche Gebiete vorrangig geschützt oder wiederhergestellt werden sollten.
Für Thüringen bestätigt der Index Entwicklungen, die auch der aktuelle Statusbericht zur Niedrigwassersituation beschreibt. Nach Angaben des Thüringer Landesamtes für Umwelt, Bergbau und Naturschutz belastet anhaltende Trockenheit in Verbindung mit überdurchschnittlich hohen Temperaturen den Wasserhaushalt erheblich. Besonders angespannt ist die Lage im Südwesten Thüringens, im Altenburger Land und im Thüringer Becken. In diesen Agrarräumen ist nach Einschätzung des NABU Thüringen „kaum noch leistungsfähige Natur vorhanden“, die Wasser zurückhält und die Umgebung kühlt.
Anders stellt sich die Situation in strukturreicheren Landschaften dar. Intakte Wälder, Moore, Auen und Grünflächen können Wasser speichern, wirken wie natürliche Klimaanlagen und erhöhen die Widerstandskraft der Regionen gegenüber Extremwetter. Beispiele sind Feuchtwiesen wie am Breitunger See im Werratal, die Wasser in der Fläche halten und ihre Umgebung abkühlen. Solche Flächen gelten als wichtige Bausteine einer natürlichen Infrastruktur, die Menschen, Landwirtschaft und Siedlungen schützt.
Der NABU Thüringen fordert angesichts der Ergebnisse einen klaren Kurswechsel in der Landespolitik. Naturschutzreferent Marcus Orlamünder kritisiert, dass es zwar einzelne positive Renaturierungsprojekte gibt, aber kein übergreifendes Konzept, das die Gesamtsituation im Freistaat in den Blick nimmt. Besonders Thüringens Umweltminister Tilo Kummer sieht der Verband in der Verantwortung. Aus NABU-Sicht sollte der bereits angekündigte Aktionsplan zur Belebung von Bach- und Flussauen zügig umgesetzt werden. Damit ließen sich gleich mehrere Ziele erreichen: besserer Hochwasserschutz, stabilere Trinkwasserversorgung, Unterstützung der landwirtschaftlichen Produktion und ein Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt.
Der Index zeigt zugleich, dass Renaturierung messbar wirkt. Wo Flüsse wieder mehr Raum bekommen, Moore wiedervernässt, Auen reaktiviert oder Zwischenfrüchte in der Landwirtschaft etabliert werden, gewinnen Landschaften ihre Funktionen zurück. Auch mehr Grün in Städten – etwa durch entsiegelte Flächen, Bäume und Parks – verbessert die Kühlung und den Wasserrückhalt. Laut einer bundesweiten, repräsentativen Umfrage des Instituts Civey im Auftrag des NABU unterstützen fast 85 Prozent der Befragten das EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur. Der Verband wertet dies als deutliches Signal, dass Renaturierungsmaßnahmen und der Ausbau natürlicher Infrastruktur in der Bevölkerung auf breite Zustimmung stoßen.
Bund und Länder sollen nach Forderung des NABU die natürliche Infrastruktur konsequent stärken. Dazu zählen aus Sicht des Verbandes die Umsetzung der EU-Wiederherstellungsverordnung, ein eigenes Bundesgesetz für natürliche Infrastruktur sowie deutlich mehr Tempo bei Renaturierung und der Vernetzung von Lebensräumen. Für Thüringen bedeutet das vor allem: weniger ausgeräumte Agrarflächen, mehr vernetzte Feuchtgebiete und Wälder – und damit langfristig ein besserer Schutz vor Hitze, Trockenheit und Hochwasser.
Quelle: Pressemitteilung vom 14.07.2026
Veröffentlicht am 15.07.2026 12:31 von Marcus Schütz, Fachredakteur
Kommentare