Stadtrat stoppt Pläne für Rechenzentrum bei Stockhausen vorerst
Der Eisenacher Stadtrat hat den Weg für das geplante Rechenzentrum nördlich von Stockhausen vorerst versperrt. In der Sitzung am 1. Juli 2026 stimmte das Gremium mit knapper Mehrheit einem Einwohnerantrag zu, der den Erhalt der rund 80 Hektar großen landwirtschaftlich genutzten Fläche fordert. Die weiteren Planungsschritte für das sogenannte Blue Future Technologiegebiet wurden damit gestoppt – die Auseinandersetzung um das Projekt dürfte aber weitergehen.
Ausgangspunkt der Entscheidung ist ein Einwohnerantrag, den eine Initiative um Steffi Wiegand eingebracht hatte. Sie und ihre Mitstreiter wenden sich gegen die Umwandlung der Flächen zwischen Stockhausen und Hötzelsroda in ein Industriegebiet für ein großes Rechenzentrum. In der namentlichen Abstimmung unterstützten 19 Stadtratsmitglieder den Antrag, 16 votierten dagegen. Oberbürgermeister Christoph Ihling (CDU) zog daraufhin den Verwaltungsvorschlag für die nächsten Planungsschritte zurück. Die Berichterstattung von MDR THÜRINGEN hatte zuvor ausführlich über die Debatte informiert.
Der Oberbürgermeister hatte im Vorfeld noch einmal deutlich für das Vorhaben geworben. Aus seiner Sicht entscheidet sich jetzt, ob Eisenach die Chance auf ein großes Digitalprojekt nutzt oder nicht. Mit dem Bebauungsplan solle zunächst nur geprüft werden, ob sich die Flächen eignen und welche Vorteile sich für die Stadt ergeben könnten; eine endgültige Bauentscheidung wäre damit noch nicht gefallen. Unterstützung bekam Ihling unter anderem von Harald Lieske (Bürger für Eisenach), der Rechenleistung als „neuen Rohstoff“ bezeichnete und Rechenzentren mit Raffinerien verglich. CDU und die NPD-Nachfolgepartei „Die Heimat“ stellten sich mehrheitlich hinter das Projekt und damit gegen den Einwohnerantrag.
Auf der anderen Seite sahen viele Stadtratsmitglieder und Ortsteilvertreter mehr Risiken als Nutzen. SPD, Linke und Grüne lehnten das Rechenzentrum ab, auch die AfD votierte mehrheitlich dagegen. Jonny Kraft (SPD) verwies auf ökologische Aspekte: Die Versiegelung einer großen Ackerfläche und der Wegfall von Frischluftzufuhr für die Stadt seien problematisch, hinzu kämen ein hoher Bedarf an Wasser und Strom für den Betrieb eines Rechenzentrums. Die Ortsteilbürgermeisterin von Hötzelsroda, Sabine Heep (CDU), kritisierte, dass der wirtschaftliche Nutzen vor allem internationalen Konzernen zugutekomme, während Lärm, Verkehr und andere Belastungen bei den Anwohnern blieben. Ihr Kollege Dieter Suck (WFF) aus Stockhausen erinnerte daran, dass die Ortsteile bereits heute stark durch Infrastrukturprojekte beansprucht seien.
Die Initiative gegen das Rechenzentrum hatte in den vergangenen Monaten Unterschriften gesammelt und immer wieder auf die Bedeutung der landwirtschaftlichen Nutzung hingewiesen. Vor der Stadtratssitzung versammelten sich nach MDR-Angaben rund 60 Unterstützerinnen und Unterstützer auf dem Marktplatz und vor dem Stadtratssaal, um mit Plakaten auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Nach der Abstimmung sprach Initiatorin Steffi Wiegand von einem „riesigen Stein“, der ihr und den Mitstreitern vom Herzen falle. Sie betonte zugleich, sie rechne damit, dass der Oberbürgermeister das Thema erneut auf die Tagesordnung bringen werde – darauf wolle sich die Initiative vorbereiten.
Mit der Entscheidung ist das Rechenzentrumsprojekt nicht endgültig vom Tisch, aber deutlich ausgebremst. Die Stadtverwaltung hatte das Areal nördlich von Stockhausen zuvor als besonders geeignet für ein Technologiegebiet eingeschätzt, unter anderem wegen der Nähe zum Umspannwerk und der vorhandenen Infrastruktur. In früheren öffentlichen Veranstaltungen war von Investitionen in Milliardenhöhe und bis zu 150 möglichen Arbeitsplätzen die Rede. Wie es nach dem Votum zum Einwohnerantrag weitergeht, hängt nun davon ab, ob und in welcher Form die Stadtspitze einen neuen Anlauf wagt – und ob sich im Stadtrat dafür erneut eine Mehrheit finden würde.
Die aktuelle Entscheidung reiht sich ein in eine längere Debatte um das Blue Future Technologiegebiet. Bereits im Herbst 2025 hatte eine Bürgerversammlung großes Interesse ausgelöst, bei der Befürworter wirtschaftliche Chancen und Kritiker Umwelt- und Belastungsfragen betonten. Mit dem nun beschlossenen Stopp der Planungen ist klar: Die Frage, wie Eisenach seine Flächen zwischen Landwirtschaft, Klimaschutz und neuer Industrie nutzen will, bleibt ein zentrales Thema der Stadtpolitik.
Quelle: MDR THÜRINGEN, Stand: 02.07.2026
Veröffentlicht am 03.07.2026 19:12 von Christian Wolf, Redakteur
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