Vogel des Jahres 2027: Mehlschwalbe siegt – und braucht Hilfe auch in Thüringen
Die Mehlschwalbe ist Vogel des Jahres 2027. Mit 67.050 Stimmen und einem Anteil von 45,1 Prozent setzte sich der kleine Gebäudebrüter bei der bundesweiten Online-Abstimmung von NABU und LBV durch. Insgesamt beteiligten sich 148.506 Menschen an der Wahl. Während die Auszeichnung Aufmerksamkeit bringt, bleibt die Lage der Art auch in Thüringen angespannt: Fachleute sprechen von einem anhaltenden Bestandsrückgang – mit Folgen auch für Städte und Dörfer in der Region.
Die Mehlschwalbe (Delichon urbicum) folgt als Jahresvogel auf das Rebhuhn. Seit 1971 wird in Deutschland jährlich ein „Vogel des Jahres“ gekürt, seit 2021 per öffentlicher Wahl. Neben der Siegerin standen für 2027 Trauerschnäpper, Kolkrabe, Wasseramsel und Kranich zur Auswahl. Auf den zweiten Platz kam der Trauerschnäpper mit 33.181 Stimmen (21,8 Prozent), es folgten Kolkrabe (22.587 Stimmen, 15 Prozent), Wasseramsel (16.074 Stimmen, 13,8 Prozent) und Kranich (9.614 Stimmen, 4,3 Prozent).
Schwieriges Jahr für Mehlschwalben in Thüringen
„Leider ist der neue Jahresvogel gefährdet und in Thüringen gehen die Bestände kontinuierlich zurück. Auch dieses Jahr war kein gutes Mehlschwalbenjahr“, sagt Tino Sauer, Schwalbenbeauftragter des NABU Thüringen. Im Atlas der Brutvögel Thüringen wird der Bestand im Freistaat mit 35.000 bis 40.000 Brutpaaren angegeben, für Deutschland insgesamt nennt der Dachverband Deutscher Avifaunisten rund 770.000 Brutpaare.
Als eine Ursache für den jüngsten Einbruch nennt Sauer Schneefälle und längere Kälte- und Regenphasen in den Alpen auf dem Zugweg in die Winterquartiere im Jahr 2025. In solchen Wetterlagen finden die Vögel kaum Insektennahrung, viele Tiere kommen geschwächt oder gar nicht mehr an. Im Frühjahr 2026 trafen deshalb weniger Mehlschwalben in Thüringen ein. Bis sich solche Verluste ausgleichen, können mehrere Jahre vergehen.
Wetterextreme allein erklären den Rückgang jedoch nicht. Immer wieder werden Schwalbennester an Gebäuden entfernt oder durch Vergrämungsmaßnahmen verhindert. Hinzu kommen moderne Fassaden ohne Vorsprünge, versiegelte Flächen, auf denen kaum noch Lehm für den Nestbau zu finden ist, und der allgemeine Insektenschwund. Gerade diese Faktoren treffen auch Siedlungsbereiche in Eisenach und den Orten im Wartburgkreis, wo Mehlschwalben traditionell an Wohnhäusern, Ställen und öffentlichen Gebäuden brüten.
Typischer Gebäudebrüter mit Kolonieverhalten
Mehlschwalben sind etwa 14 Zentimeter groß, mit dunkler Oberseite und auffallend weißer Unterseite und Bürzel. Sie brüten in Kolonien und bauen ihre fast geschlossenen Lehmnester bevorzugt an Gebäuden unter Dach- oder Fassadenvorsprüngen, seltener an Felswänden. Ein Nest besteht aus bis zu 1.500 Lehmkügelchen, die die Vögel in Pfützen aufnehmen. Ihre Nahrung – Fluginsekten – fangen sie im Flug oft in größerer Höhe. In Thüringen kommen sie flächendeckend vor, dünner besiedelt sind vor allem bewaldete Höhenlagen wie der Thüringer Wald und das Thüringer Schiefergebirge.
Was Hausbesitzer in der Region tun können
Für Eigentümerinnen und Eigentümer in Eisenach und im Wartburgkreis ist der Jahresvogel ein konkreter Anlass hinzuschauen: Gibt es bereits Nester am eigenen Haus, ist das wichtigste Signal, sie zu dulden. Wer den Kot an der Fassade oder auf dem Boden als störend empfindet, kann mit einfachen Kotbrettern unterhalb der Nester Abhilfe schaffen. Lehmpfützen im Hof oder Garten liefern Baumaterial, ein insektenfreundlich gestalteter Garten sorgt für Nahrung.
Auch die Landwirtschaft spielt eine Rolle. Artenreiche Wiesen und Weiden, Hecken und strukturreiche Feldränder fördern Insekten und damit die Nahrungsgrundlage der Mehlschwalbe. Der NABU Thüringen warnt davor, Förderinstrumente für solche Flächen zurückzufahren. Aus Sicht von Schwalbenschützern gefährden Einschnitte bei Ökoregelungen nicht nur Mehlschwalben, sondern viele weitere Tier- und Pflanzenarten, die auf vielfältige Kulturlandschaften angewiesen sind.
Aktion „Schwalben willkommen!“ in Thüringen
Um Menschen zu unterstützen, die Schwalben am Haus dulden, hat der NABU Thüringen die Aktion „Schwalben willkommen!“ gestartet. Eigentümerinnen und Eigentümer schwalbenfreundlicher Häuser und Gemeinden können eine Plakette erhalten, die ihr Engagement sichtbar macht. Ausgezeichnet werden Adressen, an denen natürliche Nester erhalten bleiben oder zusätzliche Nistmöglichkeiten geschaffen wurden.
Die Wahl der Mehlschwalbe zum Vogel des Jahres 2027 rückt damit ein Thema in den Mittelpunkt, das auch in der Region längst angekommen ist: Wie lassen sich moderne Gebäude, dichte Bebauung und Naturschutz miteinander verbinden – und welche Rolle spielen dabei die vielen Hauswände, Höfe und Gärten in Eisenach und im Wartburgkreis?
Quelle: Pressemitteilung vom 15.10.2026
Foto: NABU/Mathias Schäf
Veröffentlicht am 15.10.2026 20:19 von Christian Wolf, Redakteur
Kommentare